Steckenpferd 2019

Steckenpferd 2019 – Christian Eloundou

Laudatio von Aleksa Bernards-Niermann

Guten Morgen liebe Gäste,

liebe ehemalige Preisträgerinnen und Preisträger!

Schön, dass Sie /dass Ihr alle heute hierhin gekommen seid zur Verleihung des Steckenpferdes 2019.

In diesem Jahr möchten wir das Steckenpferd Christian Eloundou für sein außerordentliches bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement mit dem Verein „ Haus der Sonne“- Entwicklungshilfe für mittellose Kinder und Jugendliche in Kamerun überreichen.

Ich begrüße hiermit besonders herzlich den heutigen Preisträger Christian Eloundou, seine Familie, Vertreter des Vereins und des Vorstandes. Ich freue mich sehr, dass ich Ihnen heute diesen Preis, das Steckenpferd, überreichen darf.

Das Steckenpferd ist ein Preis, der seit 2004 für „hervorragendes bürgerschaftliches, ehrenamtliches Engagement“ von Bündnis90/ Die Grünen Kempen verliehen wird. Die Preisträger der vergangenen Jahre darf ich an dieser Stelle auch nochmal ganz herzlich begrüßen Dies sind Vertreter von folgenden Gruppierungen:

  • 2004 Asyl und Menschenrechte, leider sind die damals u.a. geehrten Otto Stehn und Anita Schreieck schon verstorben
  • 2005 DKSB 2006 Die Tafel, Dieter Sandmann, der leider auch schon verstorben ist
  • 2007 Multikulturelles Forum, Alice Poeirra
  • 2008 SH Multiple Sklerose, Waltraud Peters
  • 2009 Amnesty International
  • 2011 Hermann Schmitz mit Pro Paraguay, der leider in der vergangenen Woche gestorben ist
  • 2010 Angie Arretz für Arbol D Ésperanza
  • 2012 Schüler bauen für Schüler, Haiti, Roland Kühne, der zurzeit wieder mit einer neuen Schülergruppe in Haiti arbeitet
  • 2013 Hans Palm für den Nabu Kempen
  • 2014 Hospizgruppe Kempen, vertreten durch Gerda Kretschmann
  • 2015 Togo-Hilfe, Monika Heenen
  • 2016 Integrationsbeauftragter des Moscheen Vereins Kempen, Ilhan Avci
  • 2017 Dr. Klaus-Peter Hufer für sein Engagement gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus
  • 2018 Michael Stoffels für sein Engagement in der Flüchtlingshilfe

Das Steckenpferd ist ein Synonym für Freizeitgestaltung. Bei den obengenannten Personen ist dieses Steckenpferd weit mehr als Freizeitgestaltung, ist es eben dieses herausragende Engagement, das die unterschiedlichen Gruppierungen, unterschiedlichen Menschen, die Preisträger des Steckenpferdes eint. Sie alle engagieren sich über ein „normales“ Maß hinaus für eine Aufgabe, für die sie sich ehrenamtlich einsetzen. So auch Christian Eloundou.

Lebenslauf Christian Eloundou

Erlauben Sie mir zunächst seinen bisherigen Lebenslauf darzustellen, der angesichts seines jetzigen Engagements von besonderer Bedeutung ist. Christian Eloundou 1974 in Kamerun geboren, verlor dort mit gerade einmal 12 Jahren durch eine Naturkatastrophe seine Familie und wurde durch unglückliche Umstände zum Straßenkind. Hier erfuhr er am eigenen Leib Hunger, Verlassenheit und Demütigung. Aber mit Hilfe eines Geistlichen, der sich seiner nach drei Monaten annahm, erfuhr er,  was es bedeutete, ich zitiere ihn „ Wertschätzung für das, was er tat und konnte zu erfahren und dass es sich lohnt, wenn man an sich glaubt“. Hier erlernte er Judo und Karate und begriff wie man „mit Disziplin, Geduld und Höflichkeit viel erreichen kann. Er lernte sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren und sich für Freiheit und Gerechtigkeit einzusetzen. Er fand eine tiefe Selbstsicherheit“. Gleichzeitig erlebte Christian auch eine starke katholische Einbindung, begleitete schon mit 14 Jahren Pater Michel bei seinen Aufgaben, bis hin zu letzten Ölungen. Sein Theologiestudium schien schon vorgegeben. Aber nach acht Jahren suchte er seine Großmutter auf, die er aus Angst vor ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerz wegen des Verlustes der Familie so lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ihr Vertrauen befreite ihn von Schuldgefühlen und ließ ihn auch die Entscheidung gegen das Zölibat und das Theologiestudium leichter treffen. Er machte Abitur, gründete eine Familie, studierte Elektrotechnik und arbeitete zunächst in der Druckerei seines Onkels. Schließlich baute er sich eine eigene Druckerei auf. „Ich beuge mich nicht den Forderungen eines anderen, (sondern gehe) meinen eigenen Weg“, ein Zitat aus seiner Autobiographie “König der Sonne“ wie auch die weiteren hier zitierten Passagen aus diesem Buch stammen. Christian Eloundou wurde der Nationaltrainer der TaekwandoMannschaft von Kamerun, der jüngste Nationaltrainer jemals. „Das Kind von der Straße, das es geschafft hatte.“ In der Kampfsportszene, beruflich und privat –er erwartete inzwischen das 4. Kind. Aber wie er selber sagt: „Ich war eine Gefahr für den Staat, weil ich das System öffentlich in Frage stellte, …die Art wie ich lebte setzte ein politisches Zeichen“. Er engagierte sich für die Menschenrechte in seinem Land, das geprägt war von Diskriminierung, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen. Er druckte in seiner Druckerei Flugblätter, die die willkürlichen Verhaftungen, Folter, Todesdrohungen sowie die Einschüchterungen durch die Regierung anprangerten, wohl wissend, dass er damit den Unwillen der Regierung auf sich ziehen würde. Jedoch ich zitiere Christian: „ als Vorbild hatte ich eine Verantwortung, der ich gerecht werden musste“. Am 1.10.2001 nahm er gemeinsam mit einigen Jugendlichen an einer Demonstration teil, zu der sie mit einem Bus in einen 480 km entfernten Ort fuhren. Für die Beteiligung an dieser Demonstration organisiert von der Menschenrechtsorganisation „Liga für Recht und Freiheit“, bei der ein Junge erschossen wurde, der morgens mit ihm im Bus gesessen hatte, wurden Christian Eloundou und seine damalige Frau einige Tage später verhaftet. Sehr eindrücklich schildert Christian die Folgen seiner Verhaftung und die seiner damaligen Ehefrau mit Folter und Demütigungen in seiner Autobiographie. Mit Hilfe des Jugend- und Sportminister kamen beide wieder frei, aber seine Frau war durch die schrecklichen Erlebnisse gebrochen. Kurze Zeit später unternahm Christian eine Geschäftsreise nach Frankreich um zur Normalität zurück zu finden. Zu aller Erstaunen kehrte er anschließend in seine Heimat zurück. 2001 unternahm er auch noch eine Geschäftsreise nach Deutschland 2002 begannen die Vorbereitungen zur Qualifikation für die Olympischen Spiele 2004 in Athen und als Trainer der TaekwondoNationalmannschaft war Christian sehr präsent in den Medien. Nach außen nahm er nie Stellung zur politischen Situation, aber in seiner Druckerei druckte er heimlich Flugblätter für Menschenrechtsorganisationen und Programme einer Oppositionspartei. Durch einen Hinterhalt drohte er ein zweites Mal verhaftet zu werden, konnte aber fliehen und sich zunächst bei Freunden verstecken. Um sein Leben zu retten, floh Christian Eloundou nach Amsterdam. Da er aber schon geschäftlich zweimal in Europa war, wurde ihm sein Asylgesuch dort nicht geglaubt und er wurde nach Deutschland abgeschoben. (Aber zuvor schildert er in seiner Autobiographie sehr eindrücklich wie er einen Wohnsitz nachweisen soll, er in einen Zug geschickt wird ohne Geld und Fahrkarte und dies ihm später als kriminelles Handeln bei seinen Asylgesuchen vorgeworfen wurde.) 2003 kam Christian als Asylbewerber in Kempen an. Auch hier in Deutschland glaubte man nicht, dass er in seinem Heimatland, politisch verfolgt sei Mit Hilfe von Freunden …, hier sei insbesondere seine wie er sagt „deutsche Mutter“ genannt, die leider schon verstorbene Anita Schreieck, die wir wie gesagt zusammen mit anderen als erste Preisträger 2004 für den Arbeitskreis Asyl- und Menschenrechte mit dem Steckenpferd ausgezeichnet haben. Stellvertretend für sie ist heute ihre Tochter Stefanie Schreieck hier, die ich hiermit noch einmal ganz herzlich begrüßen möchte. Ich freue mich sehr, dass du heute hier bist. …Mit Hilfe von Anita Schreieck, die Christian als Deutschlehrerin im Deutschkurs kennenlernte, stemmte er sich immer wieder gegen die Bürokratie und die drohende Abschiebung. Ein Jahr durfte er nicht arbeiten, aber er integrierte sich, engagierte sich und dank Anita konnte er auch in der Kampfsportszene wieder Fuß fassen. 2003 wurde er Taekwondo Weltmeister in der Kategorie „Bewegungsformen“. Als Kameruner fern der Heimat und nicht anerkannter Asylsuchender. Er fand in der Druckerei Nagels wieder eine Anstellung in seinem angestammten, erlernten Beruf. Aber die Jahre bis zur Aufenthaltsgenehmigung waren von vielen Enttäuschungen, Ablehnungen, Resignation und Hilflosigkeit geprägt. Sowohl die Familienzusammenführung als auch die Anerkennung als Asylsuchender waren immer wieder von Rückschlägen gekennzeichnet. Ihm wurde unterstellt, er hätte seine Geschäftsreise nach Deutschland als Einreise genutzt und seine ganze Geschichte der Verfolgung nur erfunden. Aber mit ungeheurem Willen, mentaler Kraft und seinem Glauben hielt er immer wieder dagegen. Auch sein Arbeitgeber und der Sportverein unterstützten ihn und gingen mit ihren Gesuchen bis zur Staatskanzlei. Rudolf Halin unterstützte ihn finanziell und Anita Schreieck unterstützte ihn bei allen seinen Belangen unermüdlich und hielt schließlich sogar ein Plädoyer vor Gericht gegen seine Ablehnung. Schließlich erlangte er die Aufenthaltsgenehmigung durch eine Gesetzesänderung, die besagte, dass jeder geduldete Ausländer mit einer qualifizierten Ausbildung und fester Anstellung seit 3 Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung erhält. 2009 konnte er mit Hilfe des Taekwondo-Verbandes in Kamerun endlich die komplette Familienzusammenführung erreichen, indem nach seiner Frau und Tochter auch seine beiden Söhne nach Deutschland holte, die er zuvor sieben Jahre nicht gesehen hatte. Den ganzen Anspannungen, Verletzungen und Sorgen hielt die Ehe nicht stand und so trennten sich die Eheleute in Deutschland. Später fand Christian in Angela eine Lebensgefährtin, mit der er eine gemeinsame Tochter bekam, und nun mit ihrer Tochter und seiner Tochter und seinen Söhnen zusammenlebt. Der Wahl- Kempener, der sowohl in der Millionenhauptstadt seines Landes Jaounde als auch in Amsterdam ein Zeit lang gelebt hat, fühlt sich hier wohl und integriert. 2017 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und ein Urkunde der Stadt Kempen für sein 6 außergewöhnliches Engagement u.a. im Boxclub Kempen und im VTKempen Im gleichen Jahr gründete er auch den Verein „Haus der Sonne“.

Verein „Haus der Sonne“

Christian Eloundou möchte die Hilfe, die er bekommen hat, zurückgeben. Der Verein, der inzwischen 65 Mitglieder hat, engagiert sich in Mbouda, der Heimatstadt von Christian Eloundou, für mittellose Kinder und Jugendliche, die auf Hilfe anderer angewiesen sind. Anhand einer Liste, die einheimische Lehrer erstellt hatten, wurden (zunächst 25 später) 40 Kinder und Jugendliche ausgewählt, die besonders Hilfe benötigen. Zum Teil sind es Waisen oder Halbwaisen, sie leben teilweise auf der Straße, schlafen in Autowracks. Andere haben zwar eine Familie gefunden, wobei der Familienbegriff in Kamerun weitgefasst ist, werden dort aber als Arbeitskraft ausgenutzt oder sogar misshandelt. „Das Haus der Sonne“ bietet diesen Kindern jeden Tag eine warme Mahlzeit, Kleidung, Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe und medizinische Betreuung. Im Unterstützertreffen im März in der Thomaskirche erzählte eine Patin, dass auf der Homepage des Vereines die als Patenkinder zu vermittelnden Kinder und Jugendlichen mit Fotos abgebildet waren. Noch nicht vermittelte Kinder hatten eine rote Umrandung, die „Ich habe Hunger“ bedeutete, schon vermittelte Kinder erhielten einen grünen Rahmen mit der Bedeutung „Ich bin versorgt“. Was es heißt Hunger zu haben, weiß Christian aus eigener Erfahrung. Inzwischen hat schon das erste Patenkind, Bertin, eine Ausbildung zum Damen- und Herrenschneider begonnen. Bertin hatte eine schwere Hauterkrankung, die mit Unterstützung des Vereins erfolgreich medizinisch behandelt werden konnte.

Das Ziel

Und das ist das große Ziel von Christian Eloundou und seinem Verein „Haus der Sonne“, den Menschen vor Ort Arbeit und Zukunft zu geben, damit sie sich nicht auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben müssen, bei denen ihnen Versklavung in Lybien und der Tod in der Wüste und auf dem Mittelmeer droht. Wieviel zynischer klingt mit diesem Wissen die Reaktion der EU die Sicherung ihrer Außengrenzen weiter zu verstärken und Frontex auf 10.000 Mann in den nächsten Jahren aufzustocken oder auch die drohende Verurteilung der Kapitänin Pia Klemp, die auf dem Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete. 7 Christian ist gerade gestern wieder von einer Reise in sein Heimatland zurückgekommen ist, auf der er sich davon überzeugt hat, dass durch optimalen Spendeneinsatz und eine effektive Selbstverwaltung vor Ort jeder Euro wirksam werden kann. Wie mutig sich immer wieder an den Ort seiner Verfolgung zu begeben, gerade auch angesichts wieder wachsender Unruhen und Gefahren im Land, insbesondere in der Hauptstadt Yaoundé. Er hält Vorträge in Schulen um eine realistische Sicht der Anforderungen in Deutschland aufzuzeigen und möglichst viele Menschen dazu zu bewegen in der Heimat zu bleiben und sich nicht der lebensgefährlichen Flucht auszusetzen. Um dies weiter zu bekräftigen, sehen Christians Visionen und Pläne auch noch weitere Unterstützung der bedürftigen Kameruner Kinder-und Jugendlichen vor z.B. durch einen Brunnenbau oder auch der Einrichtung eines Heims für Straßenkinder. Aber er ist Realist und sagt: “Wichtig ist immer eine Geldreserve zu haben, damit wirklich jeden Tag eine warme Mahlzeit verlässlich vorhanden ist. Diese verzehren im Moment weit mehr als nur die Patenkinder, es wird niemand der hungrig ist abgewiesen. Lieber Christian Eloundou, ich möchte Ihnen meine Hochachtung aussprechen, dass Sie trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten ihr Leben als „Flüchtling“ in die Hand genommen haben, sich keinen Demütigungen gebeugt haben, sondern sogar vielmehr ihr Leben aktiv gestaltet haben bis hin zum Weltmeister. Und nun wandeln Sie sogar das erlittene Leid in eine aktive Hilfe für die Menschen in ihrem Heimatland um. Sie nun ein „Held“ nicht nur für diese Kinder und Jugendlichen. Aber sie sind auch ein zutiefst politisch denkender Mensch, der klug weiß wie er seine Kraft, seinen Einfluss und seine Persönlichkeit für die Entwicklungshilfe in seinem Land einsetzen kann. Zunächst mutete es befremdlich für mich an, dass Sie, selber gut integrierter Geflohener, nach Kamerun reisen um in Schulen und anderen Veranstaltungsorten in Vorträgen ihren „Landsleuten“ von einer Flucht abraten zu wollen, da sie den „Anforderungen in Deutschland teilweise nicht gewachsen seien“. Aber nicht nur aus humanitärer Sicht ist dies angesichts der Situation für geflüchtete Menschen in Europa sicherlich der richtige Ansatz und die 8 Hilfe zur Selbsthilfe das, was vielen Menschen in Kamerun eine hoffnungsvolle Zukunft in ihrem Heimatland ermöglichen kann.

Mit dem „Haus der Sonne“ hat Christian Eloundou eine Lebensqualität und Autonomie steigernde Initiative gegründet, die hoffentlich vielen mittellosen Kindern und Jugendlichen Lebensperspektive im eigenen Land eröffnet.

Ich möchte Ihnen, lieber Christian, hiermit das Steckenpferd 2019 überreichen, das Sie für Ihr außerordentliches Engagement und heute besonders für Ihre Arbeit für das „Haus der Sonne“ e.V. auszeichnen möchte. Ich freue mich sehr, dass ich Ihnen diesen Preis, der mit einem Preisgeld von 250€ dotiert ist, überreichen darf und gratuliere Ihnen ganz herzlich.

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